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Vergeben

geschwister wider willen – freunde aus freiem willen

Sein Vater hieß Willi. Er war Soldat,. Sein Traumberuf: Finanzbeamter. Er fiel im Krieg, bevor mein Bruder geboren wurde. Der wuchs nach der Flucht unserer Mutter aus Schlesien zunächst bei deren Schwiegereltern in Stuttgart auf.

Mein Vater hieß Paul. Er wurde in Luzern geboren, hatte aber einen deutschen Pass. Er liebte die Berge, den Vierwaldstätter See und das Leben. Er arbeitete als Bademeister im Lido. Dann kam der Krieg. Er war zum falschen Zeitpunkt bei Verwandten im Schwarzwald. Er wurde eingezogen, kam in französische Kriegsgefangenschaft. Danach ließen ihn die Schweizer nicht mehr einreisen. Er „strandete“ in Stuttgart. Dort traf er meine aus Schlesien geflüchtete Mutter. Sie heirateten. Zehn Jahre nach meinem Bruder kam ich auf die Welt.

Als ich zwei Jahre alt war, musste mein Halbbruder Oma und Opa verlassen. Der Grund: Unsere gemeinsame Mutter und mein Vater arbeiteten inzwischen beide bei der Post. Sie brauchten für mich einen Babysitter. Die schlechtesten Voraussetzungen zur Entwicklung einer Geschwisterliebe. Er wurde mit 12 Jahren aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen, bekam einen Stiefvater. Beide verstanden sich nicht sonderlich gut. Unsere Mutter versuchte auszugleichen. Ihre Zuwendung richtete sich in dieser Situation vor allem auf meinen Bruder. Es gab häufig Streit.

Mein Bruder lernte nach der Mittleren Reife einen Beruf, heiratete in jungen Jahren. Er und seine Frau bekamen einen Sohn. Sein Berufsleben verlief geradlinig bergauf. Bald besaß die Familie ein Eigenheim, später auch einen Schrebergarten. Vor der Tür stand ein Mercedes. Bis heute lebt er im Raum Stuttgart. Unsere Mutter war glücklich.

Vor dem Hintergrund eigener traumatischer Kindheitserfahrungen hatte sich in mir der Eindruck verfestigt: Er hat „die besseren Lebens-Karten bekommen“ – von seiner Vorgeschichte wusste ich damals nicht. Ich machte fortan, vor allem nach dem Tod meines Vaters mit 17, nur noch „mein Ding“.  Und das hieß nicht: Heiraten und Kinderkriegen, Häusle bauen und einen Obstbaum pflanzen. Nach einer Banklehre ermöglichte mir der 2. Bildungsweg meinen Traum zu studieren. Der Beruf als Journalistin, das Reisen um die Welt, brachte mir Erfüllung.

Unser geschwisterliches Verhältnis war wie Feuer und Wasser. In seinen Augen war ich eine „Emanze“. In meinen Augen war er ein „Spießer“.  Unsere Mutter versuchte zu vermitteln. Doch wir begegneten uns vorzugsweise und eher notgedrungen nur zu Familientreffen. Mehr als Small Talk war nicht drin.

Ich war schon in den 40ern und er in den 50ern als wir das erste Mal versuchten, eine Brücke zu bauen: auf „neutralem“ Boden, in einem Restaurant in Berlin. Er erzählte mir seine Kindheitsgeschichte und ich ihm meine. Die Erkenntnis „oh, nicht nur ich habe gelitten, sondern auch der andere“, brachte die ersten gegenseitigen Vorurteile zum Einsturz. Aus der zementierten Abwehrhaltung wurde eine Art befriedete Koexistenz.

Bis daraus eine tragfähige Brücke wurde, dauerte es allerdings nochmals ein gutes Jahrzehnt. Den Anstoß dazu gab der Alterungsprozess unserer Mutter. Beim Tod ihrer vermögenden Schwester hatte es in der Verwandtschaft Erbstreitigkeiten gegeben. Wir wussten unausgesprochen beide, dass sie befürchtete, dass auch wir uns nach ihrem Tod in die Haare bekommen würden. Ich machte mir darüber keine Sorgen. Mein Bruder hatte einfach zu viel  von der Finanz-Korrektheit seines Vaters geerbt. Ich begann mir über etwas anderes Gedanken zu machen. Werden wir uns nach der Beerdigung unserer Mutter, die auf 90 zuging, noch jemals sehen? Schließlich waren wir sozusagen die letzten „Mohikaner“ der Familie.

Im Dezember 2010 war es soweit: Unsere Mutter lag im Sterben. Wir gingen beide ganz unterschiedlich damit um. Er organisierte, ich kümmerte mich eher, begleitete sie. Kurz vor ihrem Tod kam es deshalb zwischen uns beiden zu einer Auseinandersetzung – der ersten überhaupt. Mein Bruder hatte für unsere Mutter am Sterbebett noch Zukunftspläne geschmiedet – obwohl wir alle wussten, dass sie nur noch ein zwei Tage leben würde. Ich drängte ihn deshalb zu einem Gespräch auf den Flur. Dort bat er mich darum – wieder ganz sachlich – die Todesanzeige zu formulieren. Das brachte das Fass zum überlaufen. Ich hielt mit meiner Meinung über dieses widersprüchliche Verhalten nicht hinterm Berg. Da sah ich plötzlich wie er glasige Augen bekam. „Wir haben eben unterschiedliche Weisen mit dieser Situation umzugehen“, meinte er hilflos. Mein Bruder zeigte Emotionen! Ich war sprachlos und gerührt. Spontan nahm ich ihn in den Arm. Ganz geheuer war ihm diese Reaktion sichtlich nicht, aber er ließ es zu.

Unsere Mutter starb am nächsten Tag. Ich konnte ihr unter vier Augen noch erzählen, dass wir uns versöhnt haben. Meine letzte „alles ist gut“- Botschaft hatte dabei einen weicheren Tonfall bekommen – vielleicht hat sie es noch gefühlt.

Seit ihrem Todestag ist das „Kriegsbeil“ zwischen mir und meinem Bruder begraben. Nach und nach ist daraus zunächst ein „Friedensbäumchen“ und dann ein „Freundschaftsbäumchen“ geworden. Mein Bruder und seine Frau besuchen mich regelmäßig und ich schaue bei ihnen vorbei, wenn ich im Raum Stuttgart zu tun habe. Inzwischen haben wir uns auch etwas zu sagen. Die Zeit des Small Talks gehört der Vergangenheit an. Und: Wir entdecken immer mehr Gemeinsamkeiten. Mutter sei Dank.

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